Montag, 16. März 2009

Bus oder Bahn? Transmilenio!

Gut, das kommt jetzt vielleicht ein bisschen spaet, da ich mittlerweile nicht mehr zu den 2.287.725.697 (mittlerweile mehr) Pendlern gehoere, die der Transmilenio seit seiner Einweihung befoerdert hat, aber sehen wir es als verspaetete Hommage an meine allmorgendliche Ex-Hassliebe.
Was also ist der Transmilenio? Der Name allein ist natuerlich ambitioniert, suggeriert er doch, dass er Bogotá ins "neue Jahrtausend" bringen soll, doch dafuer waere vielleicht eine echte U-Bahn noetig gewesen. Die roten Busse, die seit November 2000 das Stadtbild praegen, gehoeren mittlerweile zu Bogotá dazu wie die Pilgerkirche Monserrate hoch ueber der Stadt und die rolos (Bogotaner) indentifizieren sich laengst schon mit ihm, doch eigentlich ist der Transmilenio nur eine Notloesung, um die Stadt vor dem drohenden Verkehrskollaps zu bewahren.
Bogotá ist vielleicht in gerade mal 40-50 Jahren von bescheidenen 831.000 Einwohnern (1951) auf die heutigen 7 Millionen angewachsen (im Grossraum sind es noch mehr), doch hat man es irgendwie versaeumt, sich um ein Transportsystem fuer diese Menschen zu kuemmern. Man witzelt hier, dass jedes Jahr der Bau einer U-Bahn versprochen wird, doch keiner glaubt mehr so wirklich daran. Stattdessen begann man 1998 mit dem Bau von separaten Busspuren, auf denen rote Gelenkbusse (in der Theorie schnell und staufrei) ihre Passagiere von A nach B transportieren sollen.
Im Grossen und Ganzen hat sich das System bewaehrt und sicherlich entscheidend zur Entlastung im Stadtverkehr beigetragen, doch erstreckt sich das System nicht auf die ganze Stadt, da z.B. die carrera séptima, eine der Hauptverkehrsstrassen Bogotás, schlicht zu schmal ist, um dort noch ein paar Busspuren unterzubringen.
Beim Bau dieser Spuren wurde ausserdem geschludert, sodass man heute an einigen Stellen im Schritttempo durch Schlagloecher rumpelt - vom "neuen Jahrtausend" haette zumindest ich mehr erwartet.
Im Moment wird das System noch erweitert, was auch wieder zu Verspaetungen und Staus fuehrt, jedoch auch den Flughafen mit in das Transmilenio-Netz einbinden wird.
Das System besteht aus den portales (Endstationen) und den paradas (Haltestellen). Ein gruener Zubringerbus (alimentador) faehrt durch die Nachbarschaft und sammelt die Fahrgaeste ein, um sie dann zum naechsten portal zu bringen, von wo aus sie ihren Bus zur Arbeit nehmen koennen. Die Portale sind zu Stosszeiten hoffnungslos ueberlastet, doch kann man sich eigentlich gluecklich schaetzen, wenn man dort zusteigt, denn nur dort bekommt man einen Sitzplatz (wenn ueberhaupt); wer auf der Route einsteigt, muss wohl oder uebel (fast immer nach langem Warten) dichtgedraengt stehen.
Eine Fahrt im Transmilenio kostet 1.500 Pesos, was ungefaehr 0,50 Euro sind; dabei ist es vollkommen egal, ob ich nur eine Station weiter fahren oder aber den ganzen Tag durch die Stadt gondeln moechte, der Preis bleibt derselbe (zum Vergleich: ein normaler Bus kostet 1.100 bis 1.250 Pesos).
Das System wird privat betrieben und arbeitet gewinnorientiert, weshalb es keinen Nachtverkehr gibt und unter der Woche um 23:00 Uhr der letzte Bus faehrt.
Interessanterweise hat der Transmilenio insgesamt zu einer Verringerung der Luftverschmutzung gefuehrt, aber gleichzeitig die Feinstaubbelastung stark erhoeht, da der verwendete Diesel stark verschwefelt ist (sogar in China ist der Diesel deutlich sauberer, oder, wie die Tageszeitung El Tiempo es ausdrueckte, "Diesel schlechter als der in Afrika").

Wie aber sieht der Transmilenio in der Praxis aus? Ich fuhr ein halbes Jahr lang jeden Morgen in den roten Bussen fast eine Stunde zur Schule. Erst alimentador, in dem ich oft in der Tuer stehen musste und in den Genuss einer Extradosis Koerperkontakt kam, dann reihte ich mich im portal mit den anderen Wartenden ein und draengelte mich in den Bus, wobei ich mit Dreistigkeit und Geschick fast immer einen Sitzplatz bekam - im Transmilenio ist sich eben jeder selbst der Naechste.
Anfangs waere ich beinahe am Fahrplan verzweifelt, der nicht wirklich einfach zu verstehen ist. Es gibt Expressrouten, die nicht an allen Haltestellen halten, und den Bummelbus (ruta fácil, einfache Route), der alle Haltestellen auf der Route abklappert. Ich hatte das Glueck, dass man mir, dem Auslaender, ein kleines Heftchen mit allen Routen in die Hand drueckte, das ich anfangs immer bei mir trug und fuer mich wahrscheinlich wichtiger war als die Bibel. Heute trage ich zwar weder das Heftchen noch die Bibel mit mir herum, aber geholfen hat es mir auf jeden Fall.
Schnell entwickelte ich mich zum erfahrenen Transmilenio-Fahrer, der sich noch kuehn und geschmeidig durch die sich schliessenden Tueren zwaengt, laessig an seinen Mitfahrer gelehnt nur einen veraechtlichen Blick fuer die im Stau stehenden Autofahrer uebrig hat oder aber im Halbschlaf lautstark mit dem Kopf gegen die Scheiben rummst. Ja, wir sind ein kuehner Haufen. Und wir sind viele.
Ich musste auch lernen, wie man die Tueren der Haltestellen manuell oeffnet, denn manchmal arbeitet der Schliessmechanismus nicht richtig, was dazu fuehrt, dass die Leute in den Bussen, die erfahrenen Helden des oeffentlichen Personennahverkehrs, den Pfeifen auf dem "Bussteig", zu denen auch ich einst gehoerte, wild gestikulierend bedeuten, doch bitte den roten Knopf zu druecken. Das erste Mal diesen Mechanismus zu bedienen war fuer mich wie eine Offenbarung; eine Initiation, Ich wusste: "Ich bin jetzt einer von ihnen!"
Auf der Rueckfahrt sah es anders aus als auf der Hinfahrt, an einen Sitzplatz war nicht zu denken, manchmal noch nicht einmal an einen Stehplatz. Anfangs dachte ich: "Da pass' ich niemals mehr rein", aber mit der Zeit wandelt sich diese Einstellung und frei nach dem Motto "Passt schon" quetscht man sich noch irgendwo dazwischen. Sollen die Leute doch Platz machen! Warum die alle in der Tuer stehen bleiben, ist ein Mysterium, dass wohl nie vollstaendig geloest werden wird. Wahrscheinlich ist das ueberall auf der Welt so im oeffentlichen Nahverkehr, aber so als halbes Landkind waren es doch meine ersten wirklichen Erfahrungen in diese Richtung.
Der transmi, wie er auch liebevoll genannt wird, ist am Morgen arschkalt und Mittags drueckend heiss. Es wird abrupt gebremst und angefahren, man schaukelt umher, es riecht nach Mensch (und das, obwohl Lateinamerikaner zu den reinlichsten Menschen gehoeren, die ich kenne. Ich weiss nicht, wie man U-Bahn-Fahren in Deutschland aushalten soll), doch eines ist erstaunlich: die Busse sind sauber. Keiner isst im Transmilenio, keiner ritzt "Anna+ Peter", "Auslaender raus" oder "Kanak Attack" in die Sitze, kein Muell, keine Bierflaschen, nichts (Penner werden gar nicht erst reingelassen, aber die koennen sich die Fahrt sowieso nicht leisten. Schoen ist das nicht). In Deutschland wissen die Leute einfach nicht zu schaetzen, was sie haben, hier ist man dagegen heilfroh, einen funktionierenden, schnellen Nahtransport zu haben, auch wenn der natuerlich nicht perfekt ist und bald an seine Belastungsgrenze stossen wird.

Mag ich den Transmilenio nun oder nicht? Die Leute in Bogotá sagen: "No tenemos playa, pero tenemos Transmilenio" - "Wir haben keinen Strand, aber dafuer den Transmilenio". Das beantwortet vielleicht nicht eure Frage, aber wisst ihr was? Sie haben Recht!

Fotos vom transmi.

Wen's interessiert: http://www.transmilenio.gov.co/ offizielle Internetseite; was bei Wikipedia steht, kann man auch ruhigen Gewissens lesen.

2 Kommentare:

Nill the Thrill hat gesagt…

Bäms. Zum Vergleich:

metrobus.df.gob.mx

Das selbe in grün bzw. mexikanisch.

Saludos!

Jörg hat gesagt…

Die Kolumbianer haben's sich in Brasilien abgeguckt, nun gucken es sich alle Staedte in Kolumbien in Bogotá ab - Der "Mío" in Cali, der "Transmetro" in Barranquilla und der, ach nee, "Metrobus" in Pereira. In Cali haben die doch tatsaechlich eine Bruecke falschrum gebaut. Idioten.