Freitag, 19. Juni 2009

Der Wald

Gruen. La selva ist gruen. Und feucht. Ja, vor allem feucht. Der Boden ist feucht, die Baeume sind feucht, das Feuerholz ist feucht, nur unser Fuehrer Jesús nicht, denn der ist, wie wir anderen auch, nass. Ohne diesen kleinen alterslosen Mann haetten wir sicherlich nur halb so viel Spass gehabt auf unserer Amazonasreise, jedenfalls fuehlten wir uns mit ihm immer sicher - kein Wunder, bei dem Namen.

Fing alles Mitte Mai ganz gemaechlich an am eher kleinen (winzigen) Flughafen von Leticia, wo wir uns zusammen mit bogotanischen Schulklassen und gutgelaunten Betriebsausflueglern schwitzend in's noch kleiner Empangsgebaeude begaben. Nachdem wir von einem unglaublich zerrockten Chevrolet-Corsa-Taxi und seinem noch zerrockteren Fahrer abgeholt worden waren und uns im brasilianischen Tabatinga direkt neben Leticia ein paar Stempel abgeholt hatten, ging's ab in den Wald.
Die erste Nacht verbrachten wir in einer maloka, sonner Indianerbutze, und badeten nackig im Fluss. Erst sieht so ein Urwaldfluss im Dunkeln ein bisschen unheimlich aus, aber wir sind ja Maenner, wa?
Am naechsten Tag ging's wirklich ind en Wald, wo wir in Haengematten pennten. Die Zeit vertrieben wir uns damit, Tiere zu beobachten (es zu versuchen), im Wald herumzulaufen und uns den ein oder anderen Baum (Chinarindenbaum, Kautschuk, u.a.) anzugucken, wenn wir nicht gerade das Fruehstueck angelten oder mambe kauten. Das ist ein Pulver aus geroesteten Kokablaettern und einem anderen Blatt, das den Hunger und die Muedigkeit vertreiben soll. Schmeckt ziemlich rauchig und mir ist davon nur der Mund eingeschlafen, eine Kugel daraus zu formen habe ich nie geschafft, stattdessen lief mir das Zeug als gruene Sosse aus den Mundwinkeln. Soviel dazu.
Einen Tag fing es dann fuerchterlich an zu regnen (wo Regenwald draufsteht ist auch Regenwald drin!) und wir mussten den Lagerplatz wechseln. Unser Weg fuehrte uns streckenweise durch ueberflueteten Wald, wo wir huefttief durch's Wasser wateten, wo wir vorher noch kleine Baeche auf Baumstaemmen ueberquert hatten. Gut, dass Jesús wusste wo die Baumstaemme liegen, ich haette ungern ausprobiert, wie tief das Wasser daneben war.
Am zweiten Lagerplatz baute er uns zusammen mit dem schweigsamen Don Julio (der glaube ich der wirkliche Waldlaeufer der beiden war) und "dem Maedchen" (warum war die eigentlich dabei?) ein Lager auf, wo wir etwas angepisst angesichts der alles durchdringenden Feuchtigkeit auf die Nacht warteten, die Socken wurde selbst ueber dem Feuer nicht trocken. Wir stanken eh alle. Alles egal.
Von dort us machten wir uns in eine andere maloka auf, die uns wie der Inbegriff der Zivilisation vorkam, obwohl es auch dort keinen Strom gibt. Wie die Indianer ihre Handys laden, bleibt mir immer noch ein Raetsel.
Nach ein paar Tagen so mitten im Wald kann ich nur sagen, dass so ein Wald super ist, einfach eine andere Welt. Es wird frueh dunkel und frueh hell. Alles ist nass und gruen und voller Leben, auch wenn man das nicht dauernd so direkt mitbekommt. Nachts zumindest veranstalten die Viecher aber ein Hoellenspektakel, ist eine beeindruckende Geraeuschkulisse. Tagsueber sieht man vor allem blaue Morphos, auf die der Benjy ganz scharf war.

Nach diesem intensiven Walderlebnis fuhren wir nach Brasilien in eine veritable Oeko-Lodge. Auf dem Weg dorthin sahen wir zum ersten Mal den richtigen Amazonas. Nach Jahren der Duerre fuehrt er dieses Jahr eine Rekordmenge an Wasser und hat grosse Flaechen ueberschwemmt. Schon toll, das Ding in echt zu sehen, wenn man es sonst nur aus dem Fernsehen kannte, fuer die Uferbewohner wahrscheinlich weniger angenehm, wenn einem der Fluss durch den Garten und durch's Wohnzimmer fliesst.
In unsere Lodge zumindest hatte das den Vorteil, dass wir nicht allzuweit laufen mussten, um in's Kajak zu steigen oder Piranhas fischen zu gehen (ich fing keinen einzigen; Benjy wurde dabei fast vom Baum erschlagen).
Hier sahen wir rosa Delfine, Kaimane und dergleichen Viehzeugs. Eine Nacht verbrachten wir auf einem 39 Meter hohen Baum, von dem man ringsum nur gruen sah.
Am Ende war die Reise die perfekte Kombination aus echtem Urwald in Gummistiefeln und nassen Klamotten und echtem Urwald vom bequemen Boot aus und mit Bier in der Kuehlbox.

Fotos folgen.

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